Ich darf nicht merken
1981 schrieb die Psychoanalytikerin Alice Miller das Buch “Du sollst nicht merken”. Unter anderem geht es in diesem Buch darum, was dir in deiner Kindheit angetan wurde und was du in Wahrheit jetzt selbst tust, ist eine niemals ausgesprochene, aber sehr früh verinnerlichte Struktur. Die grösste Grausamkeit, die man Kindern zufügt, besteht wohl darin, dass sie ihren Zorn und Schmerz nicht artikulieren dürfen, ohne Gefahr zu laufen, die Liebe und Zuwendung der Eltern zu verlieren. (Alice Miller)
38 Jahre später befinden wir uns zwar in einem neuen Zeitalter, aber die Thematik, nicht fühlen zu wollen, ist nach wie vor sehr zentral. Die Gründe haben sich zwar verändert, aber die Auswirkungen sind dieselben geblieben: Sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen kostet zu viel Kraft, zu viel Zeit und ist eigentlich völlig irrelevant, denn wer seine Gefühle unter Kontrolle hat, ist frei und stark. Gefühle stören uns im Alltag und sind zum Teil völlig unlogisch. Wer seine Gefühle unter Kontrolle hat, hat somit auch sein Leben unter Kontrolle. Glücklich sein ist ein omnipräsentes Thema geworden und ein erstrebenswertes Ziel. Wer nicht happy ist, hat grundlegend etwas falsch gemacht oder den “goldenen Schlüssel” noch nicht entdeckt. In der Therapie höre ich immer wieder viele verschiedene Gründe, weshalb die Gefühle zu einer emotionalen Belastung geworden sind. Ob wir zu viel fühlen oder zu wenig, falsch oder plötzlich nichts mehr fühlt - es ist ein stressbesetztes Thema. Sich glücklich zu fühlen ist dabei die Ausnahme, wenn auch mit Vorbehalt. Wenn jemand zu lange und zu intensiv glücklich ist, könnte das unter Umständen auch potentiell gefährlich werden, weil viele Menschen fälschilcher Weise davon ausgehen das mit grosser Wahrscheinlichkeit etwas Schlimmes eintreffen könnte.
Was sind Gefühle?
Wahrscheinlich wissen die meisten aus ihrer Schulzeit, dass Gefühle Hormone sind, biochemische Botenstoffe, die von speziellen Zellen (in endokrine Drüsen und Gewebe) produziert und in den Körperkreislauf abgegeben werden. Da ist einerseits das Oxyitocin, auch Kuschelhormon genannt, welches beruhigend und angstlösend wirkt und andererseits das Adrenalin, welches bei stressigen Ereignissen ausgeschüttet wird. Die hormonellen Ausschüttungen im Körper sind jedoch sehr komplex und obwohl man heute viele Hormone synthetisch oder gentechnisch herstellen kann, sind die Dosierungen sehr kompliziert. Es ist nämlich selten nur ein einziges Hormon aktiv in spezifischen Situationen. Bei psychischen Belastungen wie Angst, Ärger, Leistungsdruck oder sogar Freude setzen sich im zentralen Nervensystem zwei parallel verlaufende Reaktionsketten in Gang. Über den Sympathikus wird das Nebennierenmark aktiviert und 80% Adrenalin und 20% Noradrenalin innerhalb Sekunden ins Blut geführt. Parallel wird der Hypothalamus aktiviert und die CRH-Ausschüttung gesteigert. Dadurch setzt die Hypophyse mehr ACTH frei, welches in der Nebennierenrinde die Ausschüttung von Glukokortikoide stimuliert. Ins Detail müssen wir nicht gehen, ausser, dass viele Menschen glauben, dass wir nur gute und schlechte Hormone besitzen und Adrenalin und Kortisol eher zu den schlechten und krankmachenden Hormonen zählen. Leider vergessen einige, dass Adrenalin und Kortisol dem Körper jeden Tag extrem viel Energie zur Verfügung stellen. Die Medaille hat immer zwei Seiten, auch bei den Hormonen. Hormone haben viele spezifische Funktionen. Eine davon ist, uns zu informieren, ein andere, uns die nötige Energie zur Verfügnug zu stellen für die momentane Situation, in der wir uns befinden.
Das Gefühl Wut
Das Gefühl “Wut” zum Beispiel wird wie das Gefühl “Angst” gerne unterdrückt, weil sie in unserer Gesellschaft als schlechte und negative Gefühle deklariert wurden. Wenn man also verinnerlicht hat, dass Wut oder Angst per Definition schlecht sind, werden sie sich auch schlecht anfühlen, weil man innerlich einen Kampf mit sich selbst beginnt, sobald uns das Gefühl Kraft geben oder über etwas informieren möchte. Ein Beispiel: Wir sind am Eingang eines Konzerts und nur drei von sechs Kassen sind geöffnet. Wir beobachten, dass einige Mitarbeiter am Kaffee trinken und quatschen sind, obwohl die Warteschlange sehr lang ist und es chaotisch zu und her geht. Das macht wütend und unser Wutzentrum reagiert drauf. Einige denken vielleicht: “Ok, weshalb sollte ich wütend sein, die Schlange wird durch meine Wut nicht kleiner und es geht auch nicht schneller vorwärts.” Die Wut gibt uns jedoch etwas mehr Energie, um überhaupt weiter anzustehen und zu warten. Die Wut ist ein natürlicher Teil unserer Lebenskraft und sie zu unterdrücken braucht Energie eines anderen Bereichs in uns. Wir können die Energie, die uns die Wut schenken möchte, nicht nutzen, sondern unterdrücken sie und beginnen einen inneren Kampf. Zum Glück haben viele Menschen Ventile und Möglichkeiten gefunden, wo die Wut sein darf und ausgelebt werden kann, zum Beispiel beim Fussballspielen. Während des Spiels darf die Wut frei im Körper zirkulieren und man fühlt sich sehr lebendig, lustvoll und motiviert. Weil die Wut dort vollkommen angenommen wird, erkennen viele nicht, dass sich angenommene Wut ganz anders anfühlt als verdrängte. Es ist nach wie vor Wut, nur fühlt sie sich, wenn sie ganz angenommen wird, motivierend oder “ich schaffe das” an.
Im Alltag (z.B. bei der Arbeit) wollen die meisten Menschen, wenn sie innerlich Wut empfinden, diese nicht fühlen, weil sie ja “schlecht” ist. Im Geiste unterdrücken sie die Wut, damit sie nicht zu viel Raum im Körper einnimmt. Paradoxerweise sollte man eben genau das Gegenteil tun und sie im Körper verteilen. Durch die Verteilung im Körper wird die Energie dezimiert. Wir können uns das so vorstellen: Unser ganzer Körper mit all seinen Körperzellen und fühlenden Körperstellen stellt den Raum zur Verfügung, in welchem sich unsere Gefühle bewegen können. Wenn wir jedoch versuchen, die Wut irgendwo in unseren Körper zu verdrängen, ist zu viel Energie auf engem Raum konzentriert. Die Wut sollte jedoch unseren ganzen Körper beleben und nicht nur unseren Bauch. An dieser begrenzten Körperstelle, wo die Wut sein darf, kann es mit der Zeit zu Beschwerden kommen. Wir können unsere Wut auch in die Füsse verdrängen, weil diese in unserem Körper am entferntesten sind. Die Füsse können aber mit der Zeit unruhig werden, sich heiss anfühlen, kribbeln - auch Restless-Legs-Syndrom genannt. Im Vergleich zu anderen Gefühlen, welche andere Symptome haben, fühlt sich verdrängte Wut meist heiss oder hitzig im Körper an.
Wir müssen nicht unbedingt sagen: “Ich bin wütend”, es geht mehr darum, es sich innerlich einzugestehen. Wir können selber entscheiden, ob wir dies äussern möchten oder nicht, für den Körper spielt das keine Rolle. Wichtiger ist, sich im Innern mehr Freiheit zu schenken und zu erfahren, dass die sogenannt negativen Gefühlen eigentlich genau so positiv sind. Es braucht Übung, die Kraft in den “negativen" Gefühlen als angenehm zu empfinden und sie zu nutzen, besonders wenn der Reaktor, der Reiz von aussen sehr hoch ist. Viele Menschen sind sich jedoch nicht daran gewohnt, sich selbst intensiv wahrzunehmen. Denn je höher der Reaktor, umso intensiver nehmen wir uns selbst wahr. Die Kraft, die innerlich freigesetzt wird, kann uns im Alltag jedoch enorm unterstützen. Zudem wird die Resilienz gestärkt und wir fühlen uns automatisch mehr “in” uns, weil wir uns selber stärker wahrnehmen. Es ist schwierig in seiner ganzen Kraft zu bleiben, wenn wir sie nicht fühlen dürfen. Solange wir an die künstlichen Feindbilder glauben, dass der Körper schwach sei und die Gefühle keinen realen Zweck haben oder schlecht sind, lassen wir einen Teil in uns keine Chance zur Intergration.
Sie erreichen mich telefonisch zwischen 15 und 16 Uhr unter der Nummer 079 764 97 77. Während der Therapiestunden kann ich keinen Anruf entgegennehmen, rufe Sie aber gerne zurück.